Ein Tag mit zwei unterschiedlichen Landschaften – dem Coal Mine Canyon und dem Blue Canyon

Wie fast jeden Morgen stehen wir 7.30 Uhr auf und sitzen bereits 8.00 Uhr beim Frühstück. Heute haben wir wieder den absoluten Hauptgewinn gezogen. Momentan wird gerade mal wieder eine Busgruppe „abgefüttert“, die die anderen Hotelgäste mit ihrem Lärm belästigt. Merken die Leute denn nur wirklich nicht, wie störend das laute Gegacker und Krakeele ist? Der Frühstücksraum ist heute brechend voll, aber die anderen Gäste unterhalten sich leise. Nur die Bustouris müssen permanent auf sich aufmerksam machen. Hey, da ist ja auch unser einsamer Leser. Scheint auch ein Dauergast zu sein. Aber Ruhe für’s Frühstück und Lesen hat er auch nicht. Wir beeilen uns heute besonders und verlassen wieder fluchtartig den Frühstücksraum.

Wir packen rasch unsere Kühltasche und die Rucksäcke und starten. Heute wollen wir uns den Fahrtag teilen und ich übernehme die erste Strecke. Das erste Ziel ist der Coal Mine Canyon, der ca. 95 Meilen von Page entfernt ist. Es ist richtig ungewohnt, mal wieder auf „richtigen“ Straßen zu fahren und dann auch möglichst auf der rechten Seite und bitte schön auch innerhalb der markierten Fahrbahn. Im Gegensatz dazu sucht man sich bei der Fahrt auf den Gravelroads immer die Stelle zum Fahren, die einem am geeignetsten erscheint, egal ob nun rechts oder links oder gar mittig. Nach einer langen Zeit auf dem Highway 89, wie schon des öfteren erwähnt, gibt es hier nicht viele Alternativen, durchfahren wir Tuba City. Es ist die größte Gemeinde der Navajo-Reservation mit ca. 8000 Einwohnern und wird in der Navajosprache „Tó Naneesdizí“ genannt, was so viel wie „verworrene Wasser“ heißt. Diese Bezeichnung hat ihren Ursprung in den vielen Quellen, die hier rund um die Stadt zu finden sind. Die Bevölkerung in Tuba City sind mehrheitlich Navajo-Indianer sowie eine kleine Minderheit von Hopi-Indianern. Auf unserer Durchfahrt entdecken wir einige Tankstellen und Supermärkte und nur sehr wenig Wohnhäuser. Ich frage mich, wo die 8000 Menschen beheimatet sind. Wir hatten auch im Vorfeld versucht, hier in der Nähe über das Internet ein Hotel zu finden. Es war uns irgendwie nicht gelungen, deshalb müssen wir auch die etwas längere Anfahrt von Page in Kauf nehmen.Das einsame Windrad Ca. 15 Meilen nach Tuba City, am Milemaker 337 biegen wir links auf eine Gravelroad ab. Diesen Abzweig erkennt man aller- dings nur dann, wenn man explizit darauf achtet und weiß, dass man hier irgendwo abbiegen muss. Die Gegend hier ist ehrlich gesagt so unspektakulär, dass man nie im Leben der Welt auf die Idee käme, hier auch noch vom Highway runter zu fahren. Eigentlich müsste man meinen: Nur schnell weg hier. Aber wir fahren ab, wir wissen ja, wohin wir wollen. Wir fahren ca. 1 Meile auf der Gravelroad und irgendwie haben wir das Gefühl, die Straße führt ins Nichts. Nur ödes Prärieland um uns herum. Ein einsames Windrad steht mitten in dieser Ödnis und genau dieses ist unser Ziel. Kurz nach diesem Windrad biegen wir auf einen noch schmaleren Weg rechts ab und fahren weiter über dieses öde Prärieland. Und dann auf einmal öffnet sich vor uns ein Canyon von einer unglaublichen Größe, wie man ihn hier nie erwartet hätte.
Wir parken das Auto und nach einigen Schritten stehen wir an einer Abbruchkante und schauen in eine Tiefe, das ist einfach unglaublich.Tiefe Einblicke in den Coal Mine Canyon Ganz weit unten sehen wir die Badlands, die von hohen Felsnadeln um- geben sind. Die Aus- und Einblicke in den Canyon sind atemberaubend. Hier findet man unzählige Felstürme und –zacken, deren mittleren Gesteinsschichten in einem sat- ten, kräftigen Braun leuchten, während die anderen Ge- steinsschichten in ganz hellen, fast weißen Farbtönen leuchten. Der Kontrast ist phänomenal!
Der Coal Mine Canyon befindet sich genau auf der Grenze des Navajo- und des Hopilandes. Beide Stämme bean- spruchen bis heute das Land für sich. Das heißt allerdings im Zweifelsfalle, wenn einem hier etwas passiert, dass wohl keiner der beiden Stämme rechtlich so richtig dafür zuständig ist. Die rechtliche Situation ist also unklar.
Der Coal Mine Canyon heißt in der Navajosprache „Canyon Honoo Jí“, das bedeutet so viel wie „Sägezahn“ oder „gezacktes Land“.Unser treuer Gefährte verdeckt NICHT die Sicht ... ;-) Früher waren bei den Ureinwohnern der bunte Sand und die Steine begehrt, die zum Färben und für die Malerei benutzt wurden. Auch heute noch siedeln hier einige Navajofamilien auf diesem Land und züchten Vieh. In der Nähe des Windrades steht auch ein Haus und die Hunde bellen dort wie verrückt. Hoffentlich sind nicht gerade wir der Grund, dass sie laut bellend ihr Revier verteidigen wollen. Und hoffentlich sind die Hunde angekettet.
Nachdem wir hier bereits viele fantastische Fotomotive gefunden haben, fahren wir den Canyon noch über eine andere Gravelroad an. HierAn der Abbruchkante kann ich gar nicht an die Ab- bruchkante gehen, so tief geht es in den Canyon hinab. Das müssen mindestens 70 m sein, die es hier in die Tiefe geht. Und Uwe turnt natürlich wieder ganz vorn an der Abbruchkante herum. Sein Blick gilt nur den Motiven, logisch auch nur durch den Sucher der Kamera und so stolpert und rutscht und stürzt er, das Stativ auch noch in der einen Hand. Ich kann das gar nicht sehen, mir wird richtiggehend schlecht dabei. Ich habe auch langsam keine Kraft mehr, ständig zu ermahnen, er soll von der Kante wegbleiben und ein Stück zurückkommen. Wenn er erstmal den Fokusblick hat, ist Hopfen und Malz verloren, da sieht und hört er nichts, nur das, was im Fokus ist.
Wir finden dann auch noch eine schöne Stelle, um eine Mittagspause einzulegen und unserem Magen auch etwas zu gönnen. An dieser Stelle hier finden sich mehr weiße Tafelberge, die die braungemusterten, farbigen Felstürme weichen lassen.

Nach dieser kurzen Rast fahren wir von hier aus jetzt zum Blue Canyon. Nun meldet Uwe seinen Anspruch auf den Fahrersitz an. Na gut, muss ich halt Beifahrer spielen. Wir fahren auf sogenannten Indian Roads, Gravelroads also und das insgesamt 30 Meilen. Sie lassen sich aber verhältnismäßig gut fahren.
Jetzt befinden wir uns auf dem Gebiet der Hopi-Indianer. Dies ist ein viel kleinerer Volksstamm als die der Navajo-Indianer, die zahlenmäßig der größte Volksstamm sind. Die Hopi sind die westlichste Gruppe der Pueblo-Indianer und leben im nordöstlichen Arizona inmitten des Reservates der Navajo am Rande der Painted Desert in einem 12.635 km² großen Reservat. Früher wurden sie auch als Moki oder Moqui bezeichnet. Es gibt heute zwischen 8.000 bis 12.000 Hopi, wovon allerdings nur etwa 7.000 innerhalb des Reservates leben. Dort bewohnen sie in ihren typischen terrassierten Pueblobauten aus Stein und Lehmziegeln, heute auch in Häusern aus Hohlblocksteinen, verteilt in einer Anzahl unabhängiger Orte.Der Blue Canyon mit seinen blauen Badlands im Hintergrund Die meisten ihrer Sied- lungen liegen auf hohen Mesas, die aus dem Colorado-Plateau emporragen. Seit der Jahrtausendwende wird eine Versorgung mit Wasser und Elektrizität in den Wohn- gebieten nach und nach ausgebaut. Die Hopi verteilen sich in zehn autonome Dörfer auf den Mesas und mehreren Siedlungen jenseits davon, die auf einer Fläche mit einem Umfang von 56 Kilometer am südwestlichen Rand der Black Mesa liegen. Die Dörfer bestehen teilweise seit Jahr- hunderten, andere gibt es erst seit 1910 und bilden die Heimat von Menschen, die durch Tradition und Blutsbande zwar eng verbunden sind, sich aber sprachlich und politisch unterscheiden. Das Land der Hopi ist eine trockene Hochlandebene. Den Hopi gelingt es, diesem unwirtlichen Boden sehr viele landwirtschaftliche Produkte, vor allem Mais der verschiedensten Sorten, abzuringen.
Uns kommt ein Fahrzeug entgegen, das erste seit vielen Stunden. Darin sitzt ein Hopi-Ehepaar. Auf unserer Höhe halten sie an und der Hopi erzählt uns ganz aufgeregt, dass sich weiter hinten eine Kuh im Stacheldrahtzaun verfangen hat. Er muss nun erst einmal Hilfe holen. Der Dialekt war nur schwer zu verstehen. Dafür war er aber überaus freundlich. Huch, und ich hatte schon ein bisschen Angst, dass wir jetzt unseren Skalp verlieren. ;-) Wenig später sehen wir das arme Tier (ich spreche jetzt von der Kuh) auch, wie es traurig im Zaun hängt. Aber helfen können wir ihm auch nicht.
Nach ca. 15 Meilen sehen wir sie endlich, die roten Zipfelmützen des Blue Canyon. Diese Felsen sehen ja so was von putzig aus! Und auch hier erscheint wieder so ein Naturjuwel so unvermittelt in der Einöde.Auf der Fahrt zum Blue Canyon Damit rechnet man überhaupt nicht. Wenn man hier nicht genau weiß, wohin man fahren muss und dass man überhaupt hier etwas finden kann, blieben diese Juwele unentdeckt. Selten wurde um ein Gebiet so ein Geheimnis gemacht wie um den Blue Canyon. Dabei sind wir der Meinung, dass dieses Gebiet schon allein wegen seiner Abgeschiedenheit nicht vom Massentourismus heim- gesucht wird und somit wahrscheinlich auch keiner schnellen Zerstörung unterliegt. Es werden immer nur Einzelne sein, die die langen Wege über Stock und Stein durch die Wildnis auf sich nehmen, dabei jede Menge Staub schlucken, um eben auch diese fantastischen Landschaften bewundern zu können und sich Erinne- rungen in Form von Fotos mitzunehmen. Und da wir beim Mitnehmen sind: Es ist für jeden Naturliebhaber selbstverständlich, dass er zwar seinen Müll mitnimmt, aber alles andere dort an Ort und Stelle lässt. Wenn irgendwann einmal das BLM oder die Indianer der Meinung sind, irgendwelche Gebiete besonders schützen zu müssen, dann tun sie das und werden diese Gebiete zu Permit-Gebieten erklären. So wie auch bereits bei der Wave oder den Coyote Buttes South geschehen, für die wir auch jeweils die Permits hatten.
Wir toben uns hier über eine Stunde fotografisch aus. Es ist der Wahnsinn. Der Name “Blue Canyon” hat mit diesen zipfelmützigen Felsen überhaupt nichts zu tun, denn er stammt von den blauen Badlands, die hier in der Nähe liegen.Fahrt durch ein ausgetrocknetes Flussbett Es ist wieder ein Gebiet der Goblins, in dem man seiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Man kann wirklich davon sprechen: Hinter den sieben Bergen bei den vielen roten Zipfel- mützen-Zwergen … Wobei Zwerge nicht gerade das richtige Wort ist. Überragen uns doch diese Zipefelmützen um einige Meter. Es macht total viel Spaß, hier durch die Gegend zu streifen und diese witzigen Felsgestalten zu betrachten und zu fotografieren. Gerade als wir uns lang- sam zu unserem Auto zurück arbeiten, dabei natürlich den Auslöser wie ein Schnellfeuergewehr betätigen, kommt ein weiteres Fahrzeug an. Ein ganz normaler PKW. Puh, na der Junge hat Mut! Schweren Herzens machen wir uns auf den Heimweg und verlassen das Land der lustigen Gesellen mit ihren roten Zipfelmützen.

Wir schalten jetzt unsere „Else“ ein und sie scheint auch hier irgendwelche Straßen zu erkennen. Ständig will sie uns rechts oder links abbiegen lassen, wo eigentlich keine Straßen sind. Allerdings gibt es hier hin und wieder tatsächlich noch viel kleinere Wege (die man als solche aber auch erstmal erkennen muss), die weiß der Geier wohin führen. Wir können also nur hoffen, dass wir immer noch auf der richtigen Gravelroad sind, die uns auf den Highway zurückführt, der dann irgendwann nach Page führt. Unterwegs müssen wir natürlich noch einige herrliche Fotos von diesen fantastischen Badlands machen. Irgendwie schaffen wir es nie, einfach nur mal durchzufahren und können uns trotz der sich einschleichenden Orientierungslosigkeit an der Landschaft erfreuen. Ja wir sind richtig!! Wir erreichen nach 30 Meilen Rütteln und Schütteln den Highway und fahren nach Page zurück. Puh, Glück gehabt. Allerdings sind wir auf der Hinfahrt doch anders gefahren. Denn da hatte ich an der Straße etliche Verkaufsstände gesehen, an denen Indianer Schmuck u.ä. verkauft haben. Eigentlich wollte ich da schon mal zum Schauen halten. Aber wir hatten uns geeinigt, d.h. Uwe „hatte uns geeinigt“, dass wir dies nach dem Fotoshooting machen. Na prima, jetzt führt uns „Else“ eine ganz andere Strecke, an der nicht ein Verkaufsstand zu sehen ist. Da hat sich Uwe ja mit „Else“ prima abgesprochen, dass sie uns jetzt extra eine andere Strecke fahren lässt, an der ich keine Möglichkeit zum Geldausgeben habe. Das ist gemein.

Gegen 18.00 Uhr erreichen wir Page und kaufen im Safeway noch einige Kleinigkeiten ein. Wir duschen rasch und essen wieder im „Blue Corn“, in unserem Hotelrestaurant. Nachdem wir unsere Fotos überspielt und ich noch Tagebuch geschrieben habe, gehen wir zeitig schlafen, bereits um 21.00 Uhr, denn es wird wieder eine kurze Nacht.

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