Nachtwanderung zu den Wahweap Hoodoos

Es ist 4.00 Uhr morgens, als unser Wecker klingelt. Es ist Sonntag! Wir haben Urlaub! Ich muss mir das selbst immer wieder wie ein Mantra vor mich hinmurmeln, sonst glaube ich es nicht. Egal. Wir sind eigenartigerweise relativ munter. Für heute haben wir uns eine Tour ausgesucht, nämlich zu den Wahweap Hoodoos zu laufen. Wahweap Hoodoo Und diese müssen wir zum Sonnenaufgang erreichen, da sie nämlich kurz nach Sonnenaufgang im Schatten einer davor stehenden Felswand verschwinden. Also stellt sich für Uwe (und damit natürlich auch für mich) nicht die Frage, dass wir sie zum Sonnenaufgang fotografieren. Alles andere ist für Uwe absolut undenkbar und außerhalb jeglicher Diskussion. Hm, ganz schön be- scheuert die ganze Fotografiererei. Laut Felix Peter Schäfer, Uwe’s Bibel, hat man zu den Hoodoos einen 2-stündigen Marsch durch das ausgetrocknete Bett des Wahweap-Flusses vor sich. Ich koche mir schnell im Zimmer einen Kaffee. Normalerweise sind die Kaffeepäckchen für 2 Tassen ausgelegt. Aber wer den amerikanischen Kaffee kennt weiß, wenn man tatsächlich eine Tasse KAFFEE trinken möchte, muss man die doppelte Menge des Pulvers nehmen, um einen einigermaßen vernünftigen Kaffee zu bekommen. Also holt sich Uwe seinen Kaffee an der Rezeption. Dazu essen wir einige Kekse und packen unseren Proviant sowie Getränke in unsere Rucksäcke. Richtig frühstücken wollen wir dann bei den Hoodoos.
Um 04.50 Uhr sind wir dann soweit und können abfahren. Der Highway ist um diese Zeit wie leer gefegt. 30 Minuten später haben wir den kleinen Parkplatz am Wash erreicht, den wir bereits vor einigen Tagen erkundet hatten. Es ist noch rabenschwarze Nacht, richtig unheimlich. Vor einigen Tagen wäre das alles nicht so schlimm gewesen, da hatten wir Vollmond. Schnell wechseln wir die Schuhe und setzen unsere Stirnlampen auf. Tolle Sache! Man hat die Hände frei und zum Laufen mittels der LED-Leuchten ausreichend Licht. Puh, die Rucksäcke sind wieder mal teuflisch schwer. Kein Wunder bei den vielen Getränken und Lebensmitteln, die wir mit uns rumschleppen. Uwe schleppt immer noch ein bisschen mehr durch sein Stativ, das auch noch am Rucksack baumelt. Heute nehme ich sogar mal unsere teuren Wanderstöcke mit, mal sehen, ob ich damit klar komme.

Gegen 05.30 Uhr sind wir marschbereit und es ist noch immer finstere Nacht. Und es ist auch immer noch unheimlich! Ringsherum ist es totenstill. Es ist kein Laut zu hören, kein Tiergeräusch, kein Vögelchen, kein Wind in den Bäumen. Und durch diese finstere Stille laufen wir nun. Wir sind doch echt nicht ganz dicht! Mit großen Schritten, ganz mutig – denn nichts kann uns aufhalten – laufen wir durch das Flussbett … und stehen plötzlich im Wasser. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Vor zwei Tagen haben wir uns den Wash angesehen und da war er staubtrocken. Okay, es hatte heftig geregnet. In Page zwar nicht aber in der näheren Umgebung. Und hier läuft eindeutig Wasser aus einem Seitenarm des Flusses in den Wash. Na klasse! Schuhe und Hosen sind nass und schlammig. So schön die Stirnlampen auch sind, sie leuchten halt doch nur einen kleinen Bereich aus, der sich direkt vor unseren Füßen befindet. Dadurch haben wir das Wasser auch nicht bemerkt. Jetzt tappen wir wie zwei blinde, unsichere Hühner hier im Flussbett herum und versuchen krampfhaft, die halbwegs trockenen Stellen zu finden, über die wir weitergehen und hopsen können. Ich stelle mir gerade vor, was einer wohl denken wird, der vielleicht in der Uferböschung auf der Lauer liegt (auf was auch immer). Der kann uns ja auch nicht sehen. Die Nacht ist so schwarz, man sieht die Hand vor Augen nicht. Aber die hüpfenden Stirnlampen wird er sehen, die unkontrolliert und desorientiert auf und ab hüpfen. Wir geben garantiert ein Bild für die Götter ab. Gut, dass uns keiner und wir uns auch nicht sehen können. Nachdem wir nun einige Zeit im Wasser und Schlamm gekreiselt sind finden wir endlich eine halbwegs trockene Stelle, über die wir unseren Weg fortsetzen können. Irgendwie hatte ich so eine kleine, leise Hoffnung, ganz zart im Untergrund – auch aufgrund der nassen Schuhe und Hosen, dass Uwe eventuell in Erwägung ziehen könnte, umzudrehen. Großer Gott, wie kann ich nur auf einen so blöden Gedanken kommen, nicht mal ansatzweise hat er daran gedacht. Es folgt sein Lieblings- und Standardspruch: „Stell dich nicht so an!“ Der Wash war an der Stelle, an der wir vom Parkplatz aus hinab gestiegen sind, richtig gut zu gehen – die nassen Füße mal ausgenommen. Aber jetzt wird es zunehmend schwieriger, weil die Ansammlung der doch recht großen Flusskiesel immer größer wird. Und da es immer noch dunkel ist, stolpern wir permanent über die riesigen Dinger. Uwe überprüft alle paar Schritte sein GPS-Gerät, ob wir überhaupt noch richtig sind. Ein Fluss fließt nun mal nicht nur geradeaus sondern in permanenten Flussschleifen. Das Problem bei unserer Nachtwanderung sind die vielen Seitenarme, die in das Hauptbett münden. Wir können oftmals gar nicht orten, sind wir noch im Hauptwash oder sind wir aus Versehen in einen Seitenarm abgebogen, der uns wie eine Schleife des Flusses vorkommt. Tja und das GPS gibt uns nur die Himmelsrichtung an. Wir könnten richtig sein, könnten aber auch falsch sein. Der Preis für diese Frage wird dann am Ende vergeben. Ich komme mit den Stöcken eigentlich recht gut zurecht. Aber auch daran muss man sich erst gewöhnen, denn so langsam merke ich meine Arme. Toll, heute Abend werde ich wie gekreuzigt im Bett liegen, Muskelkater nicht nur in den Beinen sondern auch in den Armen. Aber jetzt weicht die Dunkelheit allmählich der Dämmerung. Am Horizont ist schon ein zarter hellblauer Steifen zu sehen. Langsam erwachen auch die Vögel und begleiten uns mit ihren Gesang. Jetzt können wir auch ein bisschen erkennen, wo wir eigentlich entlang laufen. Der Wash ist voller Steine, meist ganz große rund- geschliffene Kiesel. Die machen sich zum Laufen nicht besonders gut und deshalb laufen wir ständig im zick-zack, weil wir uns lieber die Sandpassagen zum Laufen aussuchen. Ich liebe die tiefen Sandpassagen! Uwe wollte gerade in einen Seitenarm abbiegen. Da mir aber dieser Wash einfach zu schmal vorkommt, behaupte ich einfach, dass das falsch ist. Ich hoffe inständig, dass ich Recht habe. Und so kommt er doch brav zurück und wir laufen die breiten Flussschleifen weiter. Laut GPS und Luftlinie haben wir noch 3 km vor uns (wir sind schon über eine Stunde unterwegs – nein ich maule nicht, noch nicht). Da so ein Fluss bekanntlich aber in vielen Schleifen fließt, auch wenn er nicht fließt, weil er ausgetrocknet ist, denke ich, dass uns sicher noch an die 4-5 km straffen Laufens bevorstehen. Wahweap Creek Laufen wäre auch übertrieben ausgedrückt, wir stolpern noch immer über diese blöden Flusskiesel. Mittlerweile können wir auch die Stirnlampen ausschalten. Es ist hell genug zum Laufen. Jetzt sehen wir erstmal, dass sich der Wahweap Fluss durch zwei hohe Bergketten windet. Das Tageslicht wird immer heller und heller und wir haben gerade mal etwas mehr die Hälfte der Weg- strecke geschafft. Uwe wird immer schneller. Gefühlsmäßig habe ich schon einen 30 km Marsch in den Knochen. Jetzt lugt die Sonne langsam über die Bergspitzen. Wir legen noch einen Zahn zu und laufen noch schneller. Die Sonne steht jetzt schon über den Bergspitzen und wir haben immer noch knapp 1 km vor uns. Jetzt rennt Uwe allein weiter, da er durch mich lahme Ente doch nur ausgebremst wird. Bald darauf ist er hinter einer Flussbettschleife verschwunden. Ich laufe jetzt etwas langsamer, schnaufe und schniefe vor mich hin, bin ziemlich beleidigt – aber wen stört das hier draußen schon? Ist ja keiner da, der es merkt. Jetzt bei Tageslicht traue ich mich auch, einige Abkürzungen zu nehmen. Jetzt sehe ich ja, wo es lang geht. Wahweap Creek Von Uwe ist schon lange nichts mehr zu sehen oder zu hören. Ich bin echt das bedauernswerteste Geschöpf auf dieser Erde. Vor einigen Tagen hat mich Uwe einfach in der Wüste ausgesetzt, allein und hilflos und ohne Wasser. Nein stimmt nicht, Wasser hatte ich. Und heute setzt er mich mitten in der Wildnis in einem Flussbett aus. Ich habe keine Karten, kein GPS – ich bin allein mit meinem Ärger. Den Wash habe ich bereits vor einiger Zeit verlassen und versuche, mich – den Weg abkürzend – durchs Gebüsch zu schlagen. Hin und wieder entdecke ich auch Fußspuren, aber ob die von meinem Mann sind weiß der Geier. Nach weiteren 20 Minuten, die ich nun schon allein durch das Ufergebüsch streife, werde ich langsam unruhig. Ich würde ja pfeifen wenn ich könnte. Also rufe ich laut nach meinem Uwe, immer lauter – bekomme aber keine Antwort. Wieso wundert mich das nicht? Also echt, jetzt wird es mir doch mulmig. Was, wenn ich Uwe nicht finde. Wie will man hier draußen überhaupt etwas finden, ohne GPS? Und ich habe keinen Peilsender am Hintern. Scheiße, auf was lasse ich mich eigentlich immer ein? Ich bin schon etwas mutlos – was ich natürlich nie zugeben würde – als ich einen ganz schlanken, weißen, majestätisch schönen Hoodoo entdecke. Das kann eigentlich nur der sein, dessentwegen wir diesen ganzen Marsch auf uns genommen haben. Ich kämpfe mich durch das Dickicht und schreie mir fast die Seele aus dem Leib, da ich meinen Uwe nirgends entdecken kann. Plötzlich kommt ganz leise eine Antwort. Uwe steht ziemlich versteckt zwischen den Felsen und hat diesen Hoodoo im Visier. Geschafft! Ich lasse mich auf einen Felsen plumpsen. Uwe kommt herbei gerannt. Nicht um mir zu sagen, „schön, dass du es geschafft hast“ oder „Schatz, ich habe mir Sorgen gemacht“. Nö – „gib mir mal schnell deine Kamera“. Damit ist die Wertigkeit klargestellt. ;-) Nachdem ich nun auch das noch verdaut und mich dabei etwas akklimatisiert habe, gelingt es auch mir, die Schönheit dieses Hoodoos aufzunehmen und zu genießen. Wahweap Hoodoo mit Vanillepudding Er ist einfach nur ästhetisch schön und umgeben von weißem Sandstein in der Form von fließendem Vanillepudding, der aus einem Topf läuft. Diese Formen entstehen, wenn sich Regenwasser durch den weichen Untergrund gräbt. Wir sind im Tal der weißen Geister (Valley of the White Ghosts). Manche dieser Hoodoos haben eine beeindruckende Höhe. Der Schönste von ihnen, der majestätische und das Objekt von Uwe’s Begierde sieht wirklich aus wie ein Geist mit einem weißen Umhang. Allerdings kann man deutlich erkennen, wie fragil der Sand- stein ist. Nicht umsonst ist der tolle „Pudding-Fluss“ durch den Regen ausgewaschen worden. Wenn man hier herum klettert, wird dieser schöne Kerl nicht mehr lange stehen. Deshalb muss man sich hier schon fernhalten, möglichst in den Fußspuren der Vorgänger laufen. Die Säulen der Hoodoos bestehen aus weichem, fragilen Sandstein. Die braunen Kappen, die auf den Säulen liegen, dagegen sind aus festem und hartem Sedimentgestein und verlieren durch die Erosion den Halt auf den Säulen. Deshalb haben manche Hoodoos schon keine „Mützchen“ mehr auf. Im Schatten der mächtigen Felswand Man kann eigentlich immer wieder nur ehrfürchtig staunen, welche Farben und Formen die Natur immer wieder hervor zaubert. Leider steht dieser schöne Hoodoo sehr schnell wieder im Schatten der davor stehenden Felswand. Wir haben bei der Planung unserer Wanderung hierher nicht bedacht, dass der Sonnenstand im Herbst ein anderer als im Sommer ist. Die Sonne geht im Herbst viel weiter westlich auf und von daher ist die Zeitspanne, in der dieser Hoodoo in seiner ganzen Pracht angestrahlt wird, relativ kurz. Wir hätten also noch um einiges eher loslaufen müssen, wenn wir schon wissen, dass wir langsam sind. Es war also gut (ja ich gebe es ja zu), dass Uwe vornweg gestürmt ist. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn wir zu spät gekommen wären. Jetzt wo die Schatten der Felsen auf ihm liegen, ist es mit seiner Pracht vorbei. Er hebt sich kaum noch von der dahinter liegenden Felswand ab. Hoodoo-RieseNachdem nun Uwe ganz zufrieden seine Fotos im Kasten hat frühstücken wir erst einmal. Es gibt Brötchen, Nudelsalat, Würstchen und gekochte Eier. Jetzt werden auch die Rucksäcke etwas leichter.
Wir treten nun langsam den Rückweg an, auf dem wir noch zwei weitere Hoodoo-Gruppen „mitnehmen“. Die schönsten Hoodoos stehen – es ist nicht anders zu erwarten – am nördlichsten. Für sie mussten wir den weitesten Weg auf uns nehmen. Die anderen Hoodoo-Gruppen hätten wir schon viel eher erreichen können. Tja, alles hat seinen Preis. Die Hoodoos sind zwar auch schön, kommen aber an den „Hoodoo- King“ nicht annähernd heran. Während einer kleinen Rast am Fuße eines Hoodoos Jetzt haben wir auch noch die anderen Gruppen abge- lichtet und machen uns langsam auf den Rückweg. Mittlerweile steht die Sonne schon recht hoch und brennt ordentlich in den Wash herunter. Drei junge Männer kommen den Wash mit Crossmaschinen hochgefahren. Um nichts in der Welt würde ich mich auf eine solche Maschine setzen und noch dazu hier im Wash mit den vielen Steinen fahren. Etwas später treffen wir noch 2 junge Männer, die zu Fuß unterwegs sind. Sie haben ungefähr die Hälfte des Weges geschafft und wollen wissen, ob sich der Weg lohnt. Der Fotograf Klar Jungs, der Weg lohnt sich auf jeden Fall. Wir weisen die zwei zwar noch darauf hin, dass der Schönste von ihnen jetzt bereits im Schatten liegt, aber wer bis hierhin gelaufen ist, sollte nicht umkehren, ohne vorher die weißen Geister gesehen zu haben.
Gegen 11.30 Uhr sind wir wieder am Auto. Also heute reiße ich keine Bäume – nicht mal mehr Grashalme – raus. Meine Aktivitäten haben sich für heute erledigt. Wir sind jetzt sicher knapp 15 km gelaufen, das reicht für heute. Unterwegs, noch auf der Gravel Road, kommt uns ein voll bepacktes Auto entgegen. Ein junges Pärchen aus Tschechien sitzt darin und fragt, ob sie mit dem Auto bis zu den Hoodoos fahren können. Alter Falter, die haben vielleicht Mut. Wir erklären ihnen, wie weit sie noch fahren können und wie weit sie dann laufen müssen. Sie wollen mit den Mountainbikes, die sie hinten auf’s Auto geschnallt haben, zu den Hoodoos fahren. Mich würde wirklich interessieren, ob das geklappt hat.

Bevor wir ins Hotel fahren haben wir uns erst einmal einen richtigen, schönen, großen, leckeren Frappuccino verdient, den wir uns bei Starbucks holen. Und heute kaufen wir uns den gaaaanz großen. Und hinterher gleich noch ein Häagan Dasz Mint Chip. Jawohl, das haben wir uns heute aber wirklich verdient!
Im Hotel springen wir erst einmal unter die Dusche, fallen aufs Bett und genießen – mmh – unser Eis. Kann das Leben schön sein!! Ruck zuck bin ich auch gleich für ein Stündchen eingeschlafen.
Am Abend gehen wir in ein tolles mexikanisches Restaurant. Uwe bestellt sich mit Huhn gefüllte Tortillas in scharfer Schokoladensauce (Mole). Ich entscheide mich für gegrillten Fisch auf Salatbett mit Gemüsereis und Bohnen. Total lecker. Wir gehen immer gern zum Mexikaner essen. Schon deshalb, weil es als Vorspeise immer Tacos mit leckerer scharfen Salsa gibt. Da lassen wir uns auch immer gern die Schälchen nochmals auffüllen. Ich habe mir ein Bier bestellt. Zum Bier bekomme ich ein gefrorenes Glas. Mensch, da braucht man ja Handschuhe, um aus dem Glas zu trinken. Als ich das Corona in das Glas gefüllt habe, dauert es nicht lange und mein Bier ist gefroren. Das gibt es doch gar nicht, da schwimmen tatsächlich kleine Eisbröckchen im Glas. Ich muss das Bier also in kleinen Stückchen lutschen. Nicht zu fassen.
Anschließend im Hotel besprechen wir nur noch die Planung für den nächsten Tag und gehen bereits um 21.00 Uhr schlafen. Es war ein toller, aber auch verdammt anstrengender Tag.

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